Der Kontrabass
von Patrick Süskind

Regie: Max Claessen
Bühne und Kostüme: Oliver Helf
Musikalische Leitung: Henning Kiehn
Licht: Wolfgang Schünemann
Musik: Henning Kiehn

Es spielt: Stephan Schad
Musiker: Henning Kiehn (Bass)

Eine Co-Produktion der „Schad/Kiehn GbR“ und dem „Deutschen Schauspielhaus Hamburg“.


Premiere war am 6. Oktober 2012 im Deutschen Schauspielhaus in Hamburg

»Das Stück Kontrabass schrieb ich im Sommer 1980. Es geht darin um das Dasein eines Mannes in seinem kleinen Zimmer. Ich konnte bei der Abfassung insofern auf eigene Erfahrung zurückgrei-fen, als auch ich den größten Teil meines Lebens in immer kleiner werdenden Zimmern verbringe, die zu verlassen mir immer schwerer fällt. Ich hoffe aber, eines Tages ein Zimmer zu finden, das so klein ist und mich so eng umschließt, dass es sich beim Verlassen von selbst mitnimmt. In einem so gearteten Zimmer will ich dann versuchen, ein Zwei-Personen-Stück zu schreiben, das in mehreren Zimmern spielt.« (Patrick Süskind)

Wir erleben den tristen Nachmittag eines Mannes, allein in seinem schallisolierten Zimmer mit ein paar Bier und einem Kontrabass. Der namenlose Antiheld, im Orchester der Staatsoper verbeamtet auf Lebenszeit, scheinbar dazu verflucht, mit diesem größten aller Streichinstrumente zu leben und zu arbeiten, begegnet seiner Einsamkeit und sucht nun die Schuld seines Scheiterns bei diesem ach so sperrigen und doch unverzichtbarsten aller Orchesterinstrumente, dem Kontrabass. Die Ko-mödie des biederen Orchesterbeamten entpuppt sich im Verlauf des unterhaltsam sarkastischen Vortrages über die völlig unterschätzte Bedeutung des Instrumentes als der Blues eines zu kurz Gekommenen. Sein wortreicher Schrei nach Anerkennung und Liebe verdichtet sich schließlich zur Vision der Eroberung der unerwidert chancenlosen Liebe zur Sopranistin Sarah aus dem Orchester-graben heraus. »Der Kontrabass« ist der einzige Theatertext von Patrick Süskind, der mit dem Ro-man »Das Parfüm« weltberühmt geworden ist.



»Das Denken«, sagt ein Freund von mir - er studiert seit zweiundzwanzig Jahren Philoso-phie und promoviert jetzt -, »Das Denken ist eine zu schwierige Sache, als daß jedermann darin herum dilettieren dürfte.« Er – mein Freund – würde sich auch nicht hinsetzen und die Hammerklaviersonate herunterspielen. Weil er das nicht kann. Aber jedermann glaubt, daß er denken kann und denkt zügellos drauf los.«

                                                                                                              Der Kontrabass

zum Stück

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So ist alles geregelt

„So wird man nicht, so ist man.“ Der Satz stammt von dem Historiker Ludwig Hammermayer. Gemünzt ist er auf Hammermayers berühmtesten Studenten, auf Patrik Süskind aus Seeheim am Starnberger See. Urplötzlich hatte sich er Student anno 1974 aus dem Staub gemacht, München und die Universität Richtung Südfrankreich verlassen. Noch heute findet Hammermayer keine andere Erklärung: Eben so – und das heißt: so seltsam, eigenbrötlerisch, miss-trauisch – wurde Patrik Süskind nicht, so war er schon immer. In der Tat ist es lange her, seit im Oktober 1984 mit dem Vorabdruck des „Parfums“ in der „Frankfurter Allgemeinen“ die Geschichte des meistverkauften deutschen Romans aller Zeiten be-gann. Über 20 Millionen Exemplare wurden seither in knapp 50 Ländern verkauft. Schon Anfang des Jahres 1985 hatte Süskind aber erklärt: Das ganze Buch sei für ihn „erledigt“. Im 1981 uraufgeführten Monolog „Der Kontrabass“ heißt es: „Ich kenne Menschen, in denen steckt ein ganzes Universum, unermesslich. Aber herauskriegen tut man es nicht. Ums Verrecken nicht.“ Diese Erfahrung machten Heerscharen von Journalisten. Wer Glück hat, erhält eine höfliche, handgeschriebene Absage – ohne Briefkopf, ohne Adresse. Er bedauere sehr, aber zum „Parfum“ oder dessen Verfilmung wolle er nichts sagen; damit habe er nichts mehr zu tun. Wer sich Patrik Süskind nähern will, der hat eine einzige Möglichkeit. Er muss nach München fahren, muss reden mit Menschen, die seine Wege kreuzten, und mit den wenigen Freunden, die er ins Vertrauen zog. Diese sind zwar keine Plaudertaschen. „Der Petzi“, heißt es oft, „will es nicht.“ Patrik, den alle „Petzi“ nennen – nach dem Bären in der gleichnamigen Kinderbuchreihe über Petzi, Pelle und

Pingu-, schätzt nichts so sehr wie Verschwiegen-heit. Andererseits erhält man erstaunlich genaue Auskünfte, sichert man den Freunden zu, dass ihre Namen ungenannt bleiben.„Anhänglichkeit, Treue, Beharrungsvermögen“, erzählen sie, zählten zu Pa-trik Süskinds hervorstechenden Eigenschaften. Ei-nen „echten Patriarchen“ nennt der vermutlich engs-te Jugendfreund Patrik Süskinds – er will seinen Namen nicht nennen – den Vater. Der Freund wuchs bei Süskinds auf. Bei dem „Super-Intellek-tuellen“ und dessen großer, blonder Frau, „ebenfalls sehr dominant, herrschsüchtig, aber gastfreundlich.“ Als die Mutter Anfang der 90er-Jahre starb, fand Patrik Süskind sie tot im Bad, „und der einzige Ein-druck, den er nach außen vermittelte war: Es ist al-les geregelt.“ Wieder zeigte er seine Meisterschaft, Haltung zu bewahren, Nähe zu verhindern. Diese Kunst haben die meisten seiner literarischen Figu-ren perfektioniert. Als er 1993 eine Rede zur Ehre Loriots halten soll, rühmt er dessen Komik als einen gelungenen Versuch, „sich die Welt vom Leibe zu halten“. Wie der Kontrabassist flieht Süskind vor dem „barbarischen Lärm“ der Welt und der Men-schen in seine Kunst, sein Schreiben. Und bleibt zu-gleich angewiesen auf die wenigen, denen er vertraut, ohne sie restlos ins Ver-trauen zu ziehen. Bis heute scheut Patrik Süskind die Öffentlichkeit. Der Jugendfreund beschreibt den Alltag des Aufla-genmillionärs, der mit seiner Lebensgefährtin, einer Münchner Verlegerin, einen Sohn hat, so: „Er hat sich zu perfekten Hausmann entwickelt. Er steht früh auf, bringt seinen neunjährigen Sohn zur Schu-le, kocht, holt den Buben wieder ab, hilft bei den Hausarbeiten. Am Abend geht er früh zu Bett. Viel-leicht“, sagt der Freund, „wird Patrik Süskind in zehn Jahren wieder etwas veröffentlichen, wenn der Sohn aus dem Haus ist.“ Ebenso wahrscheinlich ist: Patrik Süskind wird nie wieder etwas veröffentli-chen.

ALEXANDER KISSLER